MTR Multisensorsysteme: Alpha-Beta-Filter
| Dozent: | Prof. Dr.-Ing. Schneider |
| Modul | Multisensorsysteme (Wahlpflichtprofil „Systems Design Engineering“), Wintersemester |
| Modulbezeichnung: | MTR-B-2-7.10 |
| Modulverantwortung: | Ulrich Schneider |
| Lehrveranstaltung: | Praktikum Multisensorsysteme |
| Lektionen: | 14 - Alpha-Beta-Filter |
Einleitung
Das Alpha-Beta-Filter gehört zur Klasse der rekursiven Schätzverfahren zur Zustandsschätzung dynamischer Systeme und stellt eine vereinfachte Sonderform des Kalman-Filters dar. Es wird insbesondere zur Glättung verrauschter Messdaten sowie zur Schätzung von Position und Geschwindigkeit bewegter Objekte eingesetzt, wenn ein lineares Bewegungsmodell und additive Messstörungen vorliegen. Aufgrund seiner geringen rechnerischen Komplexität und der anschaulichen Parametrisierung findet das Alpha-Beta-Filter bis heute Anwendung in Echtzeitsystemen, etwa in der Radar- und Zielverfolgung, Navigation oder industriellen Sensorik.
Ausgangspunkt des Alpha-Beta-Filters ist ein diskretes lineares Bewegungsmodell mit konstanter Geschwindigkeit. Der Systemzustand wird typischerweise durch die Position und deren zeitliche Ableitung beschrieben, während die Messung lediglich die Position liefert. Im Gegensatz zum vollständigen Kalman-Filter wird auf eine explizite Modellierung der Störstatistiken in Form von Kovarianzmatrizen verzichtet. Stattdessen erfolgt die Gewichtung von Modellvorhersage und Messkorrektur über zwei konstante Verstärkungsparameter, α und β. Diese bestimmen maßgeblich das Filterverhalten hinsichtlich Rauschunterdrückung, Dynamik und Verzögerung.
Das Alpha-Beta-Filter lässt sich als Prädiktor-Korrektor-Verfahren interpretieren. In der Prädiktionsphase wird der aktuelle Zustand unter Verwendung des Bewegungsmodells in die Zukunft extrapoliert. Anschließend wird der Innovationsfehler zwischen der vorhergesagten Position und der aktuellen Messung berechnet und zur Korrektur von Position und Geschwindigkeit herangezogen. Der Parameter α steuert dabei den Einfluss des Innovationsfehlers auf die Positionsschätzung, während β den Einfluss auf die Geschwindigkeit bestimmt. Durch geeignete Wahl dieser Parameter kann ein Kompromiss zwischen Messrauschunterdrückung und schneller Reaktion auf Zustandsänderungen erzielt werden.
Theoretisch kann das Alpha-Beta-Filter als stationärer Kalman-Filter für ein spezielles Systemmodell interpretiert werden, bei dem die Kalman-Verstärkung zeitlich konstant ist. Unter bestimmten Annahmen über das Verhältnis von Prozess- zu Messrauschen lassen sich die Parameter α und β sogar direkt aus den zugrunde liegenden Rauschstatistiken ableiten. Diese Verbindung macht das Alpha-Beta-Filter zu einem didaktisch wertvollen Bindeglied zwischen einfachen gleitenden Mittelwertfiltern und dem allgemeinen Kalman-Filter.
Zusammenfassend stellt das Alpha-Beta-Filter ein effizientes und praxisnahes Verfahren zur Zustandsschätzung dar, das trotz seiner konzeptionellen Einfachheit wesentliche Prinzipien moderner Schätztheorie verkörpert. Es eignet sich sowohl für den Einsatz in ressourcenbeschränkten Systemen als auch als Einstieg in weiterführende Filterverfahren wie das Alpha-Beta-Gamma-Filter oder den Kalman-Filter.
Alpha-Beta-Filter
Das Alpha-Beta-Filter ist ein rekursives lineares Schätzverfahren zur Bestimmung von Position und Geschwindigkeit eines bewegten Objekts aus verrauschten Positionsmessungen. Es stellt eine vereinfachte, stationäre Form des Kalman-Filters für ein lineares Bewegungsmodell mit konstanter Geschwindigkeit dar.
Systemmodell
Es wird ein diskretes Zeitmodell mit konstanter Abtastzeit angenommen.
Zustandsvektor
Der Systemzustand besteht aus Position und Geschwindigkeit:
Prädiktion
Das Systemmodell für die Prädiktion lautet:
Explizit:
Messmodell
Es wird angenommen, dass nur die Position gemessen wird:
mit dem Messrauschen .
Innovationsbildung
Die Innovation (Residuum) ergibt sich als Differenz zwischen Messung und Vorhersage:
Korrekturgleichungen
Die Korrektur des Zustands erfolgt mithilfe der konstanten Verstärkungsparameter und .
Positionskorrektur
Geschwindigkeitskorrektur
Bedeutung der Filterparameter
bestimmt den Einfluss der Messung auf die Positionsschätzung
bestimmt den Einfluss der Messung auf die Geschwindigkeitsschätzung
Typischerweise gilt:
und
Große Werte führen zu schneller Reaktion, kleine Werte zu stärkerer Glättung.
Zusammenhang zum Kalman-Filter
Das Alpha-Beta-Filter kann als stationärer Kalman-Filter für ein System mit
- konstantem Geschwindigkeitsmodell
- weißem Prozessrauschen
- weißem Messrauschen
interpretiert werden. Unter diesen Annahmen entsprechen und den konstanten Einträgen der Kalman-Verstärkung.
Algorithmus (Zusammenfassung)
- Prädiktion von Position und Geschwindigkeit
- Berechnung der Innovation
- Korrektur von Position mit
- Korrektur von Geschwindigkeit mit
Optimale Wahl der Filterparameter α und β
Die optimalen Parameter α und β des Alpha-Beta-Filters ergeben sich aus der Interpretation des Filters als stationärer Kalman-Filter für ein lineares Bewegungsmodell mit konstanter Geschwindigkeit. Ziel ist die Minimierung des mittleren quadratischen Schätzfehlers (MMSE).
System- und Rauschmodell
Prozessrauschen
Unbekannte Beschleunigungen werden als weißes Rauschen modelliert. Die Prozessrauschkovarianz lautet:
Messrauschen
Es wird angenommen, dass nur die Position gemessen wird:
mit
mit R = \sigma_v^2
Dimensionslose Kenngröße λ
Die optimale Parameterwahl hängt ausschließlich vom Verhältnis zwischen Prozess- und Messrauschen ab:
mit:
– Standardabweichung der Beschleunigung (Prozessrauschen)
– Standardabweichung der Positionsmessung
– Abtastzeit
- kleines : geringe Dynamik, stark verrauschte Messung
- großes : hohe Dynamik, präzise Messung
Stationäre Kalman-Verstärkung
Für das oben beschriebene System konvergiert die Kalman-Verstärkung gegen einen konstanten Wert:
Daraus folgt:
Geschlossene Lösung für α und β
Diese Parameter sind:
- stationär
- MMSE-optimal
- unabhängig von den Anfangsbedingungen
Näherungsformel für praktische Anwendungen
In vielen Anwendungen wird folgende Näherung verwendet:
Diese Beziehung ist nicht exakt optimal, liefert jedoch stabile Ergebnisse bei geringem Abstimmungsaufwand.
Stabilität und Grenzfälle
Die Stabilitätsbedingungen lauten:
und
Grenzfälle:
⇒ (starke Glättung)
⇒ , (folgt Messung)
Einordnung
Das Alpha-Beta-Filter kann als reduzierter Kalman-Filter mit impliziter Kovarianzrechnung aufgefasst werden. Die gesamte Filterdynamik wird durch die einzige dimensionslose Kenngröße bestimmt.
Erweiterungen
- Alpha-Beta-Gamma-Filter (zusätzliche Beschleunigung)
- Mehrdimensionale Zustände (z. B. 2D-Tracking)
- Adaptive Parameterwahl
MATLAB-Beispiel Alpha-Beta-Filter
→ Erweiterung: Alpha-Beta-Gamma-Filter
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