MTR Multisensorsysteme: Alpha-Beta-Gamma-Filter
| Dozent: | Prof. Dr.-Ing. Schneider |
| Modul | Multisensorsysteme (Wahlpflichtprofil „Systems Design Engineering“), Wintersemester |
| Modulbezeichnung: | MTR-B-2-7.10 |
| Modulverantwortung: | Ulrich Schneider |
| Lehrveranstaltung: | Praktikum Multisensorsysteme |
| Lektionen: | 15 - Alpha-Beta-Gamma-Filter |
Einleitung
Das Alpha-Beta-Gamma-Filter (α-β-γ-Filter) ist ein rekursives Verfahren zur Zustandsschätzung dynamischer Systeme und stellt eine Erweiterung des Alpha-Beta-Filters dar. Es dient der gleichzeitigen Schätzung von Position, Geschwindigkeit und Beschleunigung eines Objekts auf Basis verrauschter Messungen, typischerweise bei bekannten zeitdiskreten Abtastintervallen. Das Filter basiert auf einem kinematischen Bewegungsmodell mit konstanter Beschleunigung und kombiniert dieses mit einer gewichteten Korrektur durch aktuelle Messwerte.
Im Gegensatz zu statistisch optimalen Verfahren wie dem Kalman-Filter verzichtet das Alpha-Beta-Gamma-Filter auf eine explizite Modellierung der Mess- und Prozessrauschen. Stattdessen erfolgt die Gewichtung der Messkorrektur über die drei Parameter α, β und γ, welche den Einfluss der Messinnovation auf die geschätzte Position, Geschwindigkeit und Beschleunigung bestimmen. Diese Parameter werden in der Praxis heuristisch oder aus vereinfachten Annahmen über die Systemdynamik abgeleitet und ermöglichen eine intuitive Einstellung des Filterverhaltens hinsichtlich Reaktionsgeschwindigkeit und Glättung.
Aufgrund seiner geringen rechnerischen Komplexität, einfachen Implementierung und robusten Eigenschaften findet das Alpha-Beta-Gamma-Filter insbesondere in Echtzeitanwendungen mit begrenzten Ressourcen Anwendung, beispielsweise in der Radar- und Zielverfolgung, der Fahrzeug- und Robotiknavigation sowie in eingebetteten Sensorsystemen. Gleichzeitig kann das Filter als deterministische Näherung eines Kalman-Filters mit konstantem Beschleunigungsmodell interpretiert werden und stellt damit einen wichtigen didaktischen Übergang zwischen einfachen Glättungsverfahren und probabilistischen Zustandsfiltern dar.
Alpha-Beta-Gamma-Filter
Das α-β-γ-Filter ist ein rekursives lineares Schätzverfahren zur Bestimmung von Position, Geschwindigkeit und Beschleinigung eines bewegten Objekts aus verrauschten Positionsmessungen. Es stellt eine vereinfachte, stationäre Form des Kalman-Filters für ein lineares Bewegungsmodell mit konstanter Beschleunigung dar.
Systemmodell
Es wird ein diskretes Zeitmodell mit konstanter Abtastzeit angenommen.
Zustandsvektor
Der Systemzustand besteht aus Position und Geschwindigkeit:
Prädiktion
Das Systemmodell für die Prädiktion lautet:
Explizit:
Messmodell
Es wird angenommen, dass nur die Position gemessen wird:
mit dem Messrauschen .
Innovationsbildung
Die Innovation (Residuum) ergibt sich als Differenz zwischen Messung und Vorhersage:
Korrekturgleichungen
Die Korrektur des Zustands erfolgt mithilfe der konstanten Verstärkungsparameter und .
Positionskorrektur
Geschwindigkeitskorrektur
Beschleunigungskorrektur
Bedeutung der Filterparameter
- bestimmt den Einfluss der Messung auf die Positionsschätzung.
- bestimmt den Einfluss der Messung auf die Geschwindigkeitsschätzung.
- bestimmt den Einfluss der Messung auf die Beschleunigungsschätzung.
Typischerweise gilt:
Große Werte führen zu schneller Reaktion, kleine Werte zu stärkerer Glättung.
Zusammenhang zum Kalman-Filter
Das Alpha-Beta-Gamma-Filter kann als stationärer Kalman-Filter für ein System mit
- konstantem Beschleunigungsmodell
- weißem Prozessrauschen
- weißem Messrauschen
interpretiert werden. Unter diesen Annahmen entsprechen , und den konstanten Einträgen der Kalman-Verstärkung.
Algorithmus (Zusammenfassung)
- Prädiktion von Position und Geschwindigkeit
- Berechnung der Innovation
- Korrektur von Position mit
- Korrektur von Geschwindigkeit mit
Optimale Wahl der Filterparameter α und β
Die optimalen Parameter α und β des Alpha-Beta-Filters ergeben sich aus der Interpretation des Filters als stationärer Kalman-Filter für ein lineares Bewegungsmodell mit konstanter Geschwindigkeit. Ziel ist die Minimierung des mittleren quadratischen Schätzfehlers (MMSE).
System- und Rauschmodell
Prozessrauschen
Unbekannte Beschleunigungen werden als weißes Rauschen modelliert. Die Prozessrauschkovarianz lautet:
Messrauschen
Es wird angenommen, dass nur die Position gemessen wird:
mit
mit R = \sigma_v^2
Dimensionslose Kenngröße λ
Die optimale Parameterwahl hängt ausschließlich vom Verhältnis zwischen Prozess- und Messrauschen ab:
mit:
– Standardabweichung der Beschleunigung (Prozessrauschen)
– Standardabweichung der Positionsmessung
– Abtastzeit
- kleines : geringe Dynamik, stark verrauschte Messung
- großes : hohe Dynamik, präzise Messung
Stationäre Kalman-Verstärkung
Für das oben beschriebene System konvergiert die Kalman-Verstärkung gegen einen konstanten Wert:
Daraus folgt:
Geschlossene Lösung für α und β
Diese Parameter sind:
- stationär
- MMSE-optimal
- unabhängig von den Anfangsbedingungen
Näherungsformel für praktische Anwendungen
In vielen Anwendungen wird folgende Näherung verwendet:
Diese Beziehung ist nicht exakt optimal, liefert jedoch stabile Ergebnisse bei geringem Abstimmungsaufwand.
Stabilität und Grenzfälle
Die Stabilitätsbedingungen lauten:
und
Grenzfälle:
⇒ (starke Glättung)
⇒ , (folgt Messung)
Einordnung
Das Alpha-Beta-Filter kann als reduzierter Kalman-Filter mit impliziter Kovarianzrechnung aufgefasst werden. Die gesamte Filterdynamik wird durch die einzige dimensionslose Kenngröße bestimmt.
Erweiterungen
- Alpha-Beta-Gamma-Filter (zusätzliche Beschleunigung)
- Mehrdimensionale Zustände (z. B. 2D-Tracking)
- Adaptive Parameterwahl
MATLAB-Beispiel Alpha-Beta-Filter
→ Erweiterung: Alpha-Beta-Gamma-Filter
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